Die Verwaltung, die nicht wartet: Was hinter dem Zero-Touch-Prinzip steckt
Wann hast du das letzte Mal einen Termin beim Bürgeramt bekommen, ohne dreimal auf „Aktualisieren“ zu drücken? Genau. Und genau da setzt eine Idee an, die gerade in ein paar deutschen Digitalisierungsabteilungen diskutiert wird: die proaktive Verwaltung, oder wie man in Finnland sagt, „Zero Touch“.
Ich bin auf das Konzept beim Hören des ARD-Podcasts „KI und Jetzt“ gestoßen, in dem Nina Böhm, Digitalstrategin der Stadt München, ihre Vision für die Verwaltung der Zukunft erklärt. Und die hat es in sich.
Das Prinzip: Der Staat kommt zu dir, nicht umgekehrt
Die Grundidee ist simpel, aber radikal für eine Behördenlogik, die seit Jahrzehnten auf Antragstellung basiert: Wenn der Staat ohnehin schon weiß, dass dein Ausweis abläuft oder du gerade Vater oder Mutter geworden bist, warum musst du dann noch aktiv werden? „Don’t call me, I call you“, bringt es Nina Böhm im Podcast auf den Punkt.
In der Praxis würde das heißen:
- Dein Reisepass läuft in drei Monaten ab, das System erkennt das automatisch und stößt den Verlängerungsprozess selbst an.
- Oder: Du bekommst ein Kind, und die Behörde schlägt dir proaktiv das Elterngeld vor, statt dass du dich durch Formulare kämpfst.
Wie weit ist das wirklich? Ein Realitätscheck
Wichtig ist hier Ehrlichkeit, denn genau an dieser Stelle wird online gerne übertrieben. Auch in Finnland, das oft als Vorreiter genannt wird, sind Sozialleistungen nach offiziellen Angaben der Sozialversicherung Kela nicht automatisch, sie müssen weiterhin beantragt werden. Es gibt einzelne automatisierte Prozessschritte, aber kein flächendeckendes Zero-Touch-System für alle Leistungen.
In Deutschland sieht es ähnlich aus: Wir stehen am Anfang, nicht am Ziel. Aber die ersten Bausteine werden gerade gelegt, und zwar konkreter, als man denkt.
Was München heute schon tatsächlich testet
Die Landeshauptstadt München hat aktuell ein Pilotprojekt laufen, bei dem KI die Vollständigkeitsprüfung von Wohngeldanträgen automatisiert. Das klingt erst mal unspektakulär, hat aber echten Effekt: Die KI prüft, ob Unterschriften korrekt gesetzt sind und ob die richtigen Dokumente inhaltlich passen, zum Beispiel ob tatsächlich die Geburtsurkunde des eigenen Kindes hochgeladen wurde und nicht versehentlich ein anderes Dokument.
Der Clou dabei: Laut Nina Böhm haben etwa 90 Prozent der eingehenden Wohngeldanträge in München gar keinen rechtlichen Anspruch. Die KI hilft, die 10 Prozent mit echtem Anspruch schneller zu identifizieren und vorzuziehen, statt dass alle Anträge in der gleichen langen Warteschlange landen.
Das entlastet Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter, die ohnehin oft mit einer massiven Überlastung kämpfen, und beschleunigt die Bearbeitung für die Menschen, die wirklich Unterstützung brauchen. Das ist kein Zero Touch im vollen Sinn, aber genau das Fundament, auf dem Zero Touch aufbauen könnte.
Der eigentliche Knackpunkt: Nicht die Technik, das Recht
Was in der öffentlichen Diskussion oft untergeht: Die größte Hürde für proaktive Verwaltung ist selten die KI selbst. Es ist das Datenschutz- und Verwaltungsrecht.
Ein konkretes Beispiel aus dem Podcast: Wenn du umziehst, musst du deine neue Adresse sowohl beim Einwohnermeldeamt als auch bei der Kfz-Zulassungsstelle angeben, obwohl es die gleichen Daten sind. Der Grund ist ein rechtliches Prinzip namens Zweckgebundenheit: Daten, die für einen bestimmten Verwaltungszweck erhoben wurden, dürfen ohne weitere Rechtsgrundlage nicht einfach für einen anderen Zweck weiterverwendet werden, selbst wenn es dieselbe Behörde ist. Städte wie München können hier also nicht einfach sagen „wir kopieren das rüber“, ohne geltendes Recht zu brechen.
Genau das ist der Punkt, an dem Zero Touch für Kommunen zu einem politischen und juristischen Thema wird, nicht nur zu einem technischen. Ohne eine Anpassung der Rechtsgrundlagen auf Landes- oder Bundesebene bleibt proaktive Verwaltung ein Flickenteppich einzelner Insellösungen.
Was das für uns bedeutet
Für Kommunen wie unsere ist die Erkenntnis daraus zweifach:
- Man muss nicht auf die perfekte Zero-Touch-Lösung warten, um anzufangen. Schon eine automatisierte Vollständigkeitsprüfung wie in München entlastet spürbar, ohne dass man das gesamte System umbauen muss.
- Die eigentliche Debatte, die wir als Verwaltungen führen müssen, betrifft weniger die Frage „Welche KI setzen wir ein?“ und mehr die Frage „Welche Datenverknüpfungen erlauben wir uns rechtlich und politisch?“
Die Rolle der Bürgerinnen und Bürger verändert sich dabei grundlegend: vom Bittsteller, der sich durch Formulare kämpfen muss, zum Kunden, der einen Service erwartet. Ob wir als Verwaltung bereit sind, diesen Rollenwechsel mitzugehen, ist am Ende weniger eine Frage der Technologie als eine Frage des politischen Willens.
Wie seht ihr das? Wärt ihr bereit, der Verwaltung für diesen Service mehr Datenverknüpfungen zu erlauben? Diskutiert in den Kommentaren mit!
